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«Diese Zeit ist ein Wunder in der Entwicklung der Kinder»

Wie entwickeln sich Babys und Kleinkinder und wie wirkt sich der Konsum digitaler Medien auf sie aus? Wir haben mit Katharina Müller-Weber gesprochen, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin in der Kinderpraxis Uster.

Janine Haas

Sie befassen sich als Kinderärztin regelmässig mit dem Entwicklungsstand von Kindern. Welche Phasen unterscheidet man bis zum Schulbeginn? 

Die Säuglingszeit dauert von der Geburt bis zur Vollendung des ersten Lebensjahres. Danach folgt die Kleinkindzeit vom 13. Lebensmonat bis zum Alter von 3 Jahren. Ab vier Jahren sprechen wir von Schulkindern.
 

Für Katharina Müller-Weber ist klar: «Es ist wichtig, die Eltern früh auf die möglichen Folgen des Medienkonsums bei Säuglingen und Kleinkindern anzusprechen.»

Was sind die zentralen Bedürfnisse in diesen Phasen?

Säuglinge brauchen für ihr Wohlbefinden viel Zuwendung mit Blickkontakt, Ansprache und Körperkontakt. Sie wollen sich bewegen und suchen interessante Sinnesreize – taktile, sensorische, visuelle und auditive. Ideal ist, wenn sie drinnen und draussen viele Möglichkeiten dafür erhalten. In der Kleinkindzeit geht’s dann richtig los: Die Kinder beginnen mit den Eltern die Welt zu entdecken. Hierfür brauchen sie unterschiedliche Umgebungen und genügend Platz. Im Kontakt und Spiel mit anderen Kindern erlernen sie soziale Fertigkeiten. Die Eltern können zum Beispiel Bücher vorlesen, mit ihnen basteln, sich beim Kochen und im Haushalt helfen lassen und sie mit Spass und Gemeinsamkeit fördern. Regeln und Rituale fördern einen ausgewogenen Schlaf- und Wachrhythmus, beim gemeinsamen Essen und Zusammensein.

Was passiert in welcher Entwicklungsphase?

  • Säuglingszeit – Geburt bis 1 Jahr: Es entsteht die erste wichtige Bindung zu den Eltern und Bezugspersonen, was die Basis ist für die Entwicklung des Urvertrauens. Zu diesem Alter gehören verschiedene Entwicklungsphasen wie das Fremdeln, der Beginn der Sprachbildung durch Lautfolgen und das Nachahmen des Gesichtsausdrucks. Im Alter von 6 bis 9 Monaten beginnt sich das Kind aufzusetzen und vorwärtszubewegen. Es lernt zunehmend selbstständig Nahrung zu sich zu nehmen, bis es vom Tisch mitessen kann, und auch erste Spiele sind möglich, z. B. das Versteckspiel «Gugus? Dada!».
  • Kleinkindzeit – 13 Monate bis 3 Jahre: Das Kind entdeckt die Welt mit allen Sinnen, es kennt aber noch keine Gefahr oder Einfühlungsvermögen (Empathie). Ab einem Jahr beginnt das Erlernen der Selbstwirksamkeit, indem es z. B. Sachen auf den Boden wirft, damit die Bezugsperson sie wieder holt. Mit zwei Jahren ist das Erkennen von sich selbst im Spiegel und auf Bildern ein grosser und wichtiger Entwicklungsschritt. Mit etwa zwei Jahren kann sich das Kind bereits in Zweiwortsätzen austauschen und so seine Bedürfnisse ausdrücken. Das gibt dem Kind sehr viel Selbstwirksamkeit und Sicherheit. Das gemeinsame Spiel kann ausgebaut werden, und das Kind lernt erste Frustrationen auszuhalten. Auch das Interesse an der Sauberkeitsentwicklung beginnt.

  • Schulkinder – ab 4 Jahren: Beim Schulkind ist zunehmend das soziale Setting und das gemeinsame Spiel mit anderen Kindern wichtig. Erst jetzt beginnt die Entwicklung des Einfühlungsvermögens (Empathie) und des Bewusstseins für Gefahren. Das Interesse an grösseren Zusammenhängen erwacht, und die Kinder stellen viele Fragen. Sie realisieren, dass sie Teil einer grösseren Welt sind als nur der Familie und engen Freunde. Oft treten in dieser Phase Ängste und Albträume auf und die Kinder können vermehrt an Ablösungs- und Einschlafproblemen leiden.  Es ist wichtig, sie einfühlsam in diesen Schritten zu begleiten und sich Zeit zu nehmen, um mit ihnen altersgerecht darüber zu sprechen.

Wie wirkt sich ein zu hoher Konsum digitaler Medien auf Babys und Kinder bis 4 Jahre aus?

Es ist durch Forschung erwiesen, dass zu schnelle Bildfolgen schlecht sind für die Entwicklung des Gehirns. Die Kinder sind bei der Nutzung digitaler Medien wie in Trance, bewegen sich nicht und sprechen nicht. Dies schränkt das Erkunden mit allen Sinnen und die Interaktion mit den Eltern ein. Darunter leiden die Sprachentwicklung, die Fortbewegung und die motorische Geschicklichkeit. Säuglinge suchen immer den Blickkontakt der Eltern. Wenn diese in der gemeinsamen Zeit auf einen Bildschirm blicken und nicht darauf reagieren, kann dies zu einer unsicheren ersten Bindung und zu Resignation führen, was sich negativ auf die weitere Entwicklung auswirkt. Das Kleinkind zeigt in der Folge kein Interesse an altersgerechten Spielen und bewegt sich zu wenig. Auch die Sprachentwicklung, die motorische Geschicklichkeit und die sozialen Fertigkeiten leiden.

Wie erkennen Sie in Ihrer Praxis bei Kindern solche Defizite?

Wir sehen oft Kinder, die schon im Kleinkindesalter ein hastiges und sprunghaftes Spielverhalten mit wenig Blickkontakt zeigen. Auch das schlechte Erlernen der ersten Sprache gehört dazu – dafür kennen sie oft einzelne Wörter auf Englisch. Sie zeigen kein Interesse an altersgerechtem Spielzeug und Büchern und können sich nicht selbst beschäftigen. Dazu kommen oft eine motorische Ungeschicklichkeit und Übergewicht. Auch Schlafprobleme treten auf und wir sehen schon in jungem Alter einen Anstieg von Ängsten, Zwängen und Depressionen.

Wie oft kommt dies in Ihrem Praxisalltag vor, und was tun Sie dann?

Leider sehen wir dies fast wöchentlich. Wir versuchen in diesen Fällen immer auch den Medienkonsum zu besprechen und Alternativen aufzuzeigen.

Welche «Regel» wäre sinnvoll?

Bis zum Alter von drei Jahren sollte man auf elektronische Medien im Alltag der Kinder verzichten. Auch als Eltern sollte man sich klare Regeln vornehmen und die Nutzung von Handy und Laptop bei Anwesenheit der Säuglinge oder Kleinkinder deutlich reduzieren. Diese Zeit ist ein Wunder in der vielfältigen Entwicklung der Kinder und schnell vorbei. Konkret gibt es die Regel «3 – 6 – 9 – 12». Keine Bildschirmzeit vor drei Jahren, und von drei bis sechs Jahren eine kurze gemeinsame Bildschirmzeit. Wichtig sind da altersentsprechende Inhalte wie zum Beispiel «Die Sesamstrasse», «Der kleine Maulwurf» oder «Das Sandmännchen».

Was kann man für die Prävention tun?

Es ist wichtig, die Eltern früh auf die möglichen Folgen des Medienkonsums bei Säuglingen und Kleinkindern anzusprechen. Idealerweise werden schon in den Schwangerschaftskontrollen Informationen abgegeben oder bei den ersten Vorsorgeterminen in der Kinderarztpraxis. Auch in der Elternberatung sollte der Medienkonsum angesprochen werden. Ausserdem ist es wichtig, Eltern auf ihre Vorbildfunktion aufmerksam zu machen, da Kinder hauptsächlich durch das Nachahmen des Verhaltens ihrer Bezugspersonen lernen.

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